Regionalligist TSG Harsewinkel bringt einen Fünf-Tore-Vorsprung nicht nach Hause und schafft im Kellerduell gegen eine dezimierte HSG Gevelsberg-Silschede nur ein 28:28.
Tragende Säulen als tragische Figuren
Von Dirk Heidemann
„Liam, Liam“, hallt es durch den Hasenbau, als Liam Lindenthal nach Ablauf der 60 Minuten gegen die HSG Gevelsberg-Silschede zur Siebenmeter-Linie schreitet. Es steht 28:28 im Kellerduell der Handball-Regionalliga zwischen der TSG Harsewinkel und den Gästen aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis. Die gut 400 Zuschauer haben sich längst von ihren Plätzen erhoben und blicken erwartungsfroh der finalen Aktion entgegen, die den so ersehnten Heimsieg bringen soll.
Doch es kommt anders. HSG-Torhüter Sydney Quick lenkt den Wurf von Lindenthal mit seinem linken Bein um den Pfosten und wird anschließend von seinen Mitspielern unter einer Jubeltraube begraben. Totenstille derweil im Hasenbau. Denn auf Harsewinkeler Seite herrscht blankes Entsetzen. „Das geht auf keine Kuhhaut mehr. Da fehlen auch mir die Worte“, sagt ein enttäuschter TSG-Teammanager Karlheinz Kalze. Wieder nur ein Remis gegen einen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf – wie schon beim 28:28 im Dezember gegen Rödinghausen. Diesmal allerdings ist alles noch viel schlimmer.
Die Abwehr der Hausherren steht am Freitagabend, Torhüter Maik Schröder ist gut drauf (insgesamt zehn Paraden) und bis zum 10:6 (20.) fallen die bis dahin schon offensichtlichen Probleme im Angriffsspiel nicht groß ins Gewicht. Das ändert sich schlagartig, Gevelsberg geht nach einem 5:0-Lauf mit 11:10 in Führung (24.). Zur Pause steht es 13:13. Angetrieben vom nun treffsicheren Rechtsaußen Mika Kösters rauscht der TSG-Express auf 23:18 (42.) und 24:19 (44.) davon.
Beim 25:21 (48.) ist es dann ausgerechnet Kösters, der einen Gegenstoß nicht seriös im gegnerischen Tor unterbringt, sondern nur die Latte trifft. Eine Szene, die Heiner Steinkühler auf die Palme bringt. „Überheblich, leichtfertig“, sagt der TSG-Trainer zum Trickwurf und spricht seiner Mannschaft am Freitagabend die nötige Reife ab. „Bei fünf Toren Vorsprung erwarte ich, dass wir das Ding nach Hause bringen.“
Das schafft die TSG nicht, zumal Marlon Meyer im Anschluss an den Kösters-Fehlwurf bei einem weiteren Gegenstoß ein Schrittfehler unterläuft. Als Steinkühler es in der Schlussphase mit dem siebten Feldspieler versucht, wirkt seine Mannschaft überfordert. Stefan Bruns trifft zwar zum 28:25 (57.), nach dem 28:27 in der Schlussminute stellt die HSG auf eine offene Deckung um. Bruns verliert den Ball, der Gevelsberger Spielertrainer Yannick Brockhaus trifft für sein personell arg gebeuteltes Team („Fünf Spieler haben gefehlt, meine Spielgenehmigung kam erst heute Mittag“) zum 28:28.
„Es ärgert uns massiv, dass wir gegen eine so dezimierte Mannschaft nicht gewinnen können. Das ist unfassbar, so etwas darf uns nicht passieren“, sagt Heiner Steinkühler, der kurzfristig auf Robert Indeche (Wadenprobleme) verzichten muss. Zur Ironie des Harsewinkeler Schicksals gehört, dass mit Liam Lindenthal, Mika Kösters und Stefan Bruns ausgerechnet die drei tragenden Säulen im Spiel der TSG am Ende zu tragischen Figuren werden.
Die Gäste hingegen können ihr Glück kaum fassen. „Dass wir mit der Besetzung bei einem Fünf-Tore-Rückstand noch einmal zurückkommen, hätte ich nicht gedacht“, jubelt Yannick Brockhaus, der mit dem gewonnenen Punkt „sehr, sehr glücklich“ ist.
TSG Harsewinkel: Schröder/Wetzel – Bruns (5), Bröskamp, Engelhardt (2), Lindenthal (10/3), Grüger (1), Kösters (8), Meyer (1), von Boenigk, Wunsch (1).