aus der heutigen Spiegel Online Ausgabe - dort wiederum aus dem Handballmagazin ...
Nur wenige Mitglieder, kaum finanzielle Möglichkeiten: Handball ist in El Salvador eine Nischensportart. Trotzdem versucht der junge Verband, den Sport in einem der weltweit gefährlichsten Länder zu etablieren. Wie das funktionieren kann, erklärt das "Handball-Magazin".
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Nähert man sich El Salvador über die Internetseite des Auswärtigen Amtes, klingen die dort ausgesprochenen Empfehlungen wenig einladend. Das Land weise "in Lateinamerika und weltweit eine der höchsten Kriminalitätsraten auf". Dazu gibt es zehn Tötungsdelikte pro Tag und eine niedrige Hemmschwelle beim Gebrauch von Schuss- und Stichwaffen.
Das Land hat aber auch eine ganz andere Seite. Traumhafte Landschaften, Vulkane, Berge, einen 307 Kilometer langen Küstenstreifen und feinen Kaffee, zudem meist lebensfrohe Einwohner. Einige von ihnen findet man auch abseits der hektischen Straßen auf einem 40 Mal 20 Meter großen Spielfeld. Der Platz ist von grünen Bäumen umgeben, es geht heiß her. Auch wenn der grüngestrichene Asphaltplatz und die wenigen Zuschauer es nicht erahnen lassen: Hier wird Erstliga-Handball gespielt. Es stehen sich die Frauen der Escuela Americana und Lefues gegenüber.
"Der Sport wird hier nicht professionell ausgeübt, und die Turniere finden auf Amateur-Niveau statt", sagt Alex Calderón, Pressesprecher des nationalen Verbands. Trotzdem gibt es einen organisierten Ligabetrieb. Sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern gibt es eine Liga Ost, eine Liga West und eine Liga Metropolitana. Letztere gilt als die national wichtigste und ist noch einmal in eine Primera (erste) und eine Segunda (zweite) División aufgeteilt.
"Meine Kollegen und ich trainieren und arbeiten für diesen Sport", sagt Ricardo Espinoza, Spieler des Vereins New Age HC. Weil sie ihn lieben, wie er sagt, und nicht, weil sie sich materielle Vorteile dadurch erhoffen. Wie auch: Im salvadorianischen Handball spielt Geld kaum eine Rolle. "Wir spielen mit ganzem Herzen und ganzer Seele", sagt der Nationalspieler.
Der einzige reine Handball-Platz nicht einmal überdacht
Doch trotz aller Hingabe plagen Spieler, Trainer, Schiedsrichter und Verantwortliche große Probleme. Eines davon ist besonders gravierend: Im ganzen Land gibt es nur eine Anlage, die exklusiv für ihren Sport genutzt werden kann. "Der einzige Platz, auf dem ausschließlich Handball gespielt werden darf, ist nicht einmal überdacht", sagt Calderón.
Angesichts des Wetters und der Regenzeit von Mai bis Oktober ein echtes Handicap. Besserung ist allerdings in Sicht. Das Nationale Sportinstitut hat im Oktober 2011 begonnen, in den Bau von Sportplätzen zu investieren und vor kurzem die erste Handballhalle fertig gestellt.
Die neue Halle ist ein großer und immens wichtiger Schritt für den in dem zentralamerikanischen Land noch jungen Sport. 1989 wurde die salvadorianische Federación gegründet, seit 1999 ist sie Mitglied im internationalen Handballverband IHF. Immerhin bringt es der Verband mittlerweile auf 2750 Mitglieder.
Zum Vergleich: Der DHB, der weltweit größte Handball-Dachverband, hat 846.359 Mitglieder. Doch El Salvador ist um Wachstum bemüht: Seit kurzem bietet der Verband Ausbildungen für Trainer und Sportlehrer an. Dadurch soll der die Sportart fester Bestandteil des Schulsports werden. "Außerdem haben wir mit den Universitäten ein Abkommen, das Handball zum Teil des Sportlehrer-Studiums macht", sagt Calderón.
Goldmedaille bei den Zentralamerikanischen Spielen 2014 als Ziel
Einer, der eine solche Ausbildung in Anspruch genommen hat, ist Ricardo Espinoza. Der 24 Jahre alte Nationalspieler arbeitet hauptberuflich als Trainer. Sein großes Ziel: Mit der Nationalmannschaft will er die Goldmedaille bei den zentralamerikanischen Spielen 2014 gewinnen. Ein nicht aussichtsloses Unterfangen. Schon 2010 belegte El Salvador in Panama den zweiten Platz.
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Ein Überraschungserfolg könnte der Popularität des jungen Sports einen entscheidenden Schub geben. Vor dem Hintergrund der Kriminalstatistik käme dann auch eine soziale Funktion des Sports zum Tragen.
Denn eines der größten sozialen Probleme sind die Jugendgangs, die sogenannten Maras. Sie sind für etwa 30 bis 40 Prozent aller Gewaltdelikte mit Todesfolge verantwortlich. "Mannschaftssport spielt eine große Rolle, wenn es darum geht, die Jugendlichen auf den richtigen Weg zu bringen", sagt Calderón. Deshalb arbeiten die Verantwortlichen intensiv daran, Handball in den Schulen zu integrieren. "Damit die Kinder eine zusätzliche sinnvolle Sache haben, mit der sie Zeit verbringen können", sagt Calderón.
Bislang jedenfalls scheint der Plan aufzugehen. "Ein Handballer", so Calderón, "wurde zum Glück noch nicht ermordet."