13. Hildesheimer Trainerseminar

Am vergangenen Wochenende, vom 20.-22. Juli, weilten Bezze und Holger in Hildesheim, um ihre Trainerlizenzen zu verlängern. Das 13. Hildesheimer Trainerseminar, wiederum ausgerichtet von Eintracht Hildesheim und dem Handball-Verband Niedersachsen, war erneut eine hochinteressante Veranstaltung. In der Sparkassenarena Hildesheim, in der vergangenen Saison professioneller Schauplatz von Bundesligaspielen, boten qualifizierte Referenten vielfältige Themenbereiche an und wurden bei den Praxiseinheiten von Teams der Eintracht Hildesheim als Demo-Mannschaften unterstützt. Die 167 Hörer kamen aus ganz Niedersachsen und dem angrenzenden Westfalen, aber auch aus Hessen, Württemberg und sogar aus Belgien und Norwegen. Dabei waren ehemalige Bundesligatrainer und aktuelle Trainer aus der 3. Liga genauso vertreten, wie Trainerinnen aus dem Bereich E-Jugend und Minis.

Nach der offiziellen Eröffnung des Lehrgangs durch die Ausrichter begann die Veranstaltung am späten Freitagnachmittag mit Damen-Bundestrainer Heine Jensen und dem Themenbereich „Paßgefährlichkeit, Paßgeschwindigkeit, Täuschungen bis hin zu Kreuzungen“. Mit den Nachwuchsspielerinnen (Jg. 95-98) des DHB-Stützpunktes Hannover, darunter vielen Spielerinnen der HSG Badenstedt, des aktuellen deutschen Meisters der weibl. B-Jugend, ging Heine Jensen auf die Basics des Handballspielens ein. Elementare Dinge wie Fußstellung und Blickrichtung zum Tor, Stoßbewegung in die Tiefe und vor allem die Torgefährlichkeit beim Kreuzen böten selbst bei Deutschen Meisterinnen und sogar bei der Frauen-Nationalmannschaft stetigen Anlaß zu Korrekturen und Möglichkeiten zur Verbesserung. Welches Verbesserungspotential haben dann erst einmal unsere eigenen Nachwuchsteams!

Denn Freitagabend beschloß anschließend Christopher Nordmeyer, aktueller Trainer des Herren-Bundesligisten TSV Hannover-Burgdorf. Sein Thema war das „Anforderungsprofil eines Jugendspielers und dessen Trainers auf dem Weg in die Bundesliga“. Obwohl ehemaliger Lehrer, offenbarte sich Christopher Nordmeyer keineswegs als Anhänger der Kuschel-Pädagogik. Seine Thesen waren in ihrer Deutlichkeit vielmehr durchaus gewöhnungsbedürftig. Die von ihm gestellten Anforderungen möchte ich hier nur kurz und vorsichtig mit Ehrgeiz, vollkommener Leistungsfixierung und bedingungsloser Hingabe wiedergeben.

Den sehr langen Samstag eröffnete Aaron Ziercke mit dem durchaus den gesamten Lehrgang prägenden Thema „Stabilisation im Jugendbereich – Ein Muß!“. Ziercke, Athletiktrainer des Herren-Bundesligisten GWD Minden und im Zivilberuf ausgebildeter Physiotherapeut, streute in das erwärmende Einlaufen der männl. A- und B-Jugend von Eintracht Hildesheim immer wieder Kräftigungsübungen ein und brachte die Jungs bereits beim Aufwärmen nahe an ihre Grenzen. Nach nur knapp 40 Minuten übergab Ziercke die Spieler dem nachfolgenden Referenten Khalid Khan mit den Worten „Die sind jetzt gut warm!“. Eine leicht geschönte Zustandsbeschreibung!

Für den Rest des Vormittags übernahm Khalid Khan, der den Drittligisten Eintracht Hagen am Ende der vergangenen Saison in der Relegation vor dem Abstieg rettete und damit den Oberligaabstieg der HSG Gütersloh besiegelte. Sein erster Themenbereich war „Highspeed Handball – Trainings- und Übungsformen in allen Bausteinen einer Trainingseinheit“. Zu diesem Themenschwerpunkt gibt es bereits eine DVD und eine Veröffentlichung in der Zeitschrift „handballtraining“. Die Übungen sind also bereits bestens dokumentiert und haben sich im Eigenversuch als gut und praktikabel erwiesen. Khalid Khan propagierte eine „maximale Lauf- und Paßgeschwindigkeit“ über 60 Minuten, nahm dabei Fehler durchaus bewußt in Kauf, solange dabei aber die Effektivität gewährleistet blieb!

Zweites Thema von Khalid Khan war die „Individuelle Kreisläuferschulung“. In einer sehr guten und absolut intensiven Trainingseinheit mit 6 Kreis- bzw. Außenspielern und 2 Torhütern demonstrierte Khan, wie sich das Verhalten der Kreisspieler respektive das der zum Kreis eingelaufenen Außen nach einem Übergang verbessern läßt. Elemente dieser Einheit werden sicherlich schon bald auch in Harsewinkel erlebt werden können!

Nach dem Mittagsessen übernahm Torhüterlegende Andreas Thiel. Thiel, aktuell Torwarttrainer beim Damen-Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen und beim DHB, entledigte sich mit entwaffnender Unbekümmertheit des eigentlich vorgegebenen Themas und dozierte lieber „frei Schnauze“. Nach eigenem Bekunden war er, „zur Abwechslung `mal“, gut vorbereitet. So hatte er sein „Konzept“ auf einem Zettel von etwa der Größe DIN A7, wahrscheinlich während der Anreise im Zug erstellt, verfaßt. Da er aber, zur Überraschung vieler Teilnehmer, ausgesprochen gut gelaunt in Hildesheim erschien und natürlich über einen überaus reichen Übungsfundus verfügt, war die anschließende Trainingseinheit für die Torhüter der 1. und 2. Herrenmannschaft sowie der mA-Jugend von Eintracht Hildesheim und auch für die Zuhörer sehr kurzweilig. Für den grundsätzlichen Aufbau einer Einheit zum Thema Torwarttraining nannte Thiel die Bausteine Ballgewöhnung, Festigung der Grundtechniken, Koordination sowie individuelle Spezialtechniken und zeigte Übungen zu allen Bereichen. Obwohl „Vertreter einer Generation, die nach Auswärtsspielen noch besoffen aus dem Bus gestiegen ist“, wies auch Andreas Thiel auf die Wichtigkeit von Kräftigungsübungen, vor allem für den Bereich Rumpf, sowie auch die Ausdauerfähigkeit von Torhütern hin.

Die Zeit nach der Kaffeepause bis zum Ende des Abends gehörte dann Klaus Feldmann von der Handball-Akademie. Nach ausgiebiger theoretischer Vorbereitung mittels PowerPoint-Präsentation begann die Einheit zur „Entwicklung der Spielfähigkeit in der Grundlagenschulung“ mit der männl. D-Jugend von Eintracht Hildesheim. Zur Verbesserung der individuellen Stärke eines Angreifers in großen Räumen nannte Feldmann die Prinzipien „Spielräume öffnen, Vorfahrt für den Ballführer, Sicherung des Ballführers und Verlagerung des Spiels“ und propagierte zudem sehr stark das Prellen des Angreifers, was im deutlichen Gegensatz zum am Sonntag von Renate Schubert vorgestellten Bielefelder Modell stehen sollte.

Wiederum nach theoretischer Vorbereitung begann anschließend die zweite Praxiseinheit von Klaus Feldmann zum Thema „Die flexible Wand – 6:0-Abwehr einmal anders“. Die Grundspielweise dieser Abwehrformation läßt sich vielleicht kurz mit aggressiv-offensivem Außen und defensivem Halben auf der Ballseite, aktivem ballseitigen Innenverteidiger, sehr antizipativ-offensivem Gegenhalben und defensiv weit eingerücktem ballfernen Außen beschreiben. Sicherlich eine interessante und auch umsetzbare Abwehrspielweise! Der Übungsaufbau und die inhaltlichen Schwerpunkte des Praxisteiles stießen aber nicht auf die Gegenliebe eines mit dem Verfasser dieses Textes in Hildesheim weilenden Ex-Nationalspielers! Problematisch wirkte sich dabei allerdings auch aus, daß als Demo-Team wiederum die A-Jugend-Bundesligamannschaft von Eintracht Hildesheim diente. Schon zum zweiten Male an diesem Tag und damit erkennbar an den körperlichen und geistigen Grenzen angelangt!

Der abschließende Sonntagvormittag gehörte dann, der gerade in unseren Breiten bekannten, Renate Schubert. Zunächst wurde theoretisch und praktisch das Thema „E-Jugendtraining – Das Bielefelder Modell“ vorgestellt. Für uns also nichts Neues, findet dieses doch ab der nächsten Saison auch im Handballkreis Gütersloh Anwendung, für viele andere Teilnehmer aber Anlaß zu angeregten Diskussionen vor allem hinsichtlich der Bewertung des Koordinationsparcours, insbesondere aber des Prellverbotes, was natürlich schwer im Kontrast zum Vortrag von Klaus Feldmann am Abend zuvor stand. Während aber der Parcours in der Praxis überzeugte, weil sich die E-Jugend-Kinder sehr motiviert zeigten und auch weil ähnliches aus dem Landesverband Württemberg berichtet wurde, sorgte das Spiel ohne Prellen zunehmend für Unmut. Gut, daß dann wieder eine Pause kam!

Im zweiten Teil stellte Renate Schubert ihr Lieblingsthema, den Handball der „Bonsais“, dieses Mal unter das Thema „Minihandball – Üben und kräftigen“. In spielerischer Form und, in bewährter Weise oftmals mit selbstkonstruierten Trainingshilfen, wurden Übungen demonstriert, die kräftigende Elemente für die Minis enthielten. Das Generalthema „Kräftigung“ zog sich also letztlich durch das gesamte Wochenende. Sicherlich auf die banale Erkenntnis zurückzuführen, daß deutsche Nationalmannschaften ihren ausländischen Kontrahenten oftmals im Bereich Athletik und Kraft deutlich unterlegen sind.

Insgesamt wiederum eine gelungene Veranstaltung, mit guten Referenten, interessanten Themen, einer professionellen Atmosphäre in der Sparkassenarena Hildesheim, einer guten Unterbringung im Parkhotel Berghölzchen, die auch davon lebt, daß man, in zwangloser Form, viele interessante Handballer mit entsprechend vielfältigen Karrieren und Meinungen kennenlernen kann. Zur Wiederholung und Nachahmung empfohlen!